… in Österreich 6 Richtige im Lotto zu tippen …
… oder eine passende Jeans zu finden.
Neulich habe ich meine Lieblingsjeans zu Grabe getragen. Ihr habt richtig gelesen. Ich habe sie nicht einfach in einen Altkleidersack gesteckt, ich habe ein regelrechtes Staatsbegräbnis daraus gemacht. In manch eine Hochzeit wurden schon weniger Planungsarbeiten investiert als in die Bestattung dieses Kleidungsstücks. Der richtige Zeitpunkt war nicht etwa von mir selber bestimmt, sondern von der Hose selbst. Sie hat sich doch glatt erdreist, ihre schon nur mehr bruchstückhaft vorhandenen Stoffreste im Gesäßbereich einfach in ein riesiges, klaffendes Loch zu verwandeln. Und das während eines Arbeitstages! Sie hat zwar ihre Altersschwäche durchaus schon durch eine gewisse Mürbe in diesem Bereich langsam angekündigt, aber ihr plötzliches Dahinscheiden kam dann so überraschend wie unpassend. So eine Diva! Ich habe sie abgöttisch geliebt, gehegt und gepflegt und das war nun der Dank. Ihr majestätisches Indigo schied zwar an manchen Stellen schon dahin und verwandelte sich im Alter schon eher in Blassblau, nur durchzogen von manch babyblau bis leicht lilablassblau schimmernden Kettfäden. Eine herrliche Farbkomposition – sogar Chagall wäre vor Neid erblasst. Aber all mein Gezeter half letztendlich nicht. Nach einer stillen Andacht und mehrmaligem Wieder-Heraus-Holen-aus-dem-Altkleidersack habe ich sie kurzerhand in die Mülltonne gestopft, kurz bevor die Müllabfuhr kam, um sie nicht wieder ihrem Grabe zu entreißen. Gestärkt von etlichen Motivations-Blogs und klugen Sprüchen wie: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ oder „Chancen entstehen nicht, du schaffst sie.“ oder „Krise als Chance!“ habe ich mich endlich auf die Suche nach einer würdigen Nachfolgerin gemacht. Nicht, weil mich das so gefreut hätte, ich habe einfach diese dämlichen Motivationssprüche nicht mehr lesen können!
Also, ran an den Läppi und munter drauf losgesurft. Munter war ich, aber nur in den ersten Millisekunden meiner Recherche. Mein anfängliches Staunen wich bald einem unruhigen Grollen in meiner Magengegend und einer nicht erwünschten Aktivierung meines englischen Sprachzentrums, das doch jahrelang so gut in der hintersten Gehirnregion seinen Dornröschenschlaf gehalten hatte. Nicht nur, dass ich DeepL aktivieren musste, um alles übersetzen zu können, sondern auch meine Vorstellungskraft war gefordert von Ausdrücken wie Tapered Jeans oder Slouchy Jeans aka. Barrel Jeans. Erleichterung machte sich breit, als ich Formen fand wie Skinny oder Regular Fit Straight. Auch Bootcut oder High Waist waren mir dann doch ein Begriff. Also weiter gesurft zu Jogger Fit, Slim Fit, Mom Fit, Coulotte, Flaired, Boyfriend, Regular Waist, Low Waist, Mid Waist, Cargo, Sailor und Palazzo, Slouchy Fit, Ribcage, Gaucho, Loose, Pintucks, Distressed und 90’s Fit …
Ich wollte doch nur eine neue JEANS! Kann da nicht einfach JEANS stehen und die entsprechende Größe dazu? Aus Basta Schluss. Jetzt auch noch nach den entsprechenden Inches in Weite und Länge trüffeln und die richtige Farbe wählen. Der wirklichen Verzweiflung nahe habe ich entsprechende Ratgeber-Seiten konsultiert wie „Welcher Jeans-Typ sind Sie?“. Die Antwort wäre ja so einfach gewesen: „Sie soll einfach passen!“. Sie soll meine schlaffen Oberschenkel einfangen, ohne dass sich die Cellulite abzeichnet, sie soll dem Hängepo ein bisschen Schwung geben, nicht an unpassenden Stellen kneifen, die Muster auf dem Bauch sollen sich nach dem Ausziehen nicht allzu tief in die Haut eingegraben haben und ich soll beim Anziehen nicht Hüpfen müssen, um mich in dieses Stück Denim zu quetschen. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein! Und sie soll einfach blau sein. Blau wie blau. Blau halt. Ja von wegen Blau. Da kommt es auch noch auf die Waschung an! Tint-Washed, Stone-Washed, Power-Used, Rinse-Washed, Dark-Washed, Buffies, …
Um keine beruhigenden Substanzen einwerfen bzw. meinen Läppi nicht an die Wand knallen zu müssen, habe ich das Etikett zu Hilfe genommen, das ich wohlweislich aus meiner Lieblingshose herausgeschnitten habe, bevor der letzte Urnengang bevorstand. Die betreffende Seite des Labels aufgerufen, Bestellung aufgegeben, fertig!
Einige Tage später kam die Hose. Natürlich konnte sie ihrer Vorgängerin nicht das Wasser reichen! Nicht mal das azurblaue Wässerchen konnte sie ihr reichen, eher ihrer Besitzerin trieb sie ein Wässerchen in die Augen. Nicht annähernd war dieses Enkelchen meiner Grandma-Jean (so habe ich sie liebevoll dann genannt, weil sie sicherlich schon so ein biblisches Alter hatte) auch so bequem wie ihre Vorgängerin. Dass sie noch nicht ihre Farbe haben konnte, das war ja erwartbar gewesen, da sie noch zig Waschgänge vor sich hatte, aber auch die Passform des Bundes (jaaa: waiiiiist) und auch die legs haben nicht so ge-fitted.
Mit einem verklärten Blick auf meine Motivationssprüche und in Anbetracht der Ausweglosigkeit meiner Situation habe ich mich dann meinem Schicksal gefügt:
„Gib jeder Jeans die Chance, die beste in deinem Leben zu werden!“
